Eine mittelalterliche Stadt wie St. Leonhard war weit entfernt von der romantischen Vorstellung, die man heute vielleicht hat. Die engen Gassen und Plätze waren meist ungepflastert und bei Regen kaum passierbar. Schmutz und Staub beherrschten das Stadtbild. Erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts begannen größere Städte, wichtige Straßen und Plätze zu pflastern. In St. Leonhard, das damals noch eine kleine Stadt war, dauerte es deutlich länger, bis man vereinzelt Pflasterungen anlegte.
Die Straßen und Gassen waren oft von Ziegen, Schafen und vor allem Schweinen bevölkert, die sich in der Nähe der Häuser suhlten. Versuche, diese „offene“ Tierhaltung innerhalb der Stadtmauern einzuschränken, scheiterten mehrheitlich. Abfälle wurden direkt vor den Häusern entsorgt, und der Stadtbach diente als Kanal für allerlei Unrat, was den Geruch und die Fliegenplage verstärkte. Doch trotz dieser unhygienischen Zustände funktionierte die städtische Gemeinschaft erstaunlich gut.
Die Gesellschaftsstruktur und das Stadtleben
Die Bevölkerung St. Leonhards bestand aus einer klar definierten Hierarchie. An der Spitze standen die Bürger, die meist wohlhabend waren und über große Familien verfügten. Das liberale Stadtrecht von St. Leonhard, das aus dem Jahr 1325 stammte, bot eigentlich gute Voraussetzungen für Zuwanderer, dennoch blieb die Einwohnerzahl relativ konstant. Während andere Städte wie Villach und Wolfsberg unter dem Druck der Zuwanderer wuchsen, lebten in St. Leonhard und seiner Umgebung auch im 16. Jahrhundert nur etwa 400 bis 500 Menschen.
Neben den Bürgern gab es auch die „Inwohner“ (Einwohner), die ohne Besitz und weitgehend ohne bürgerliche Rechte waren. Viele arbeiteten als Tagelöhner, in der Hoffnung, eines Tages genug Geld zu sparen, um sich in den Bürgerstand einkaufen zu können. Nur wenige schafften diesen gesellschaftlichen Aufstieg. Am untersten Ende der sozialen Skala standen die Almosenempfänger und Bettler, die buchstäblich von der Hand in den Mund lebten. Körperliche und geistige Schwächen verurteilten sie zu einem Leben in Armut, abhängig von der Mildtätigkeit ihrer Mitmenschen.
Eine Zeit des Übergangs: Wirtschaftlicher Wandel und Handelsbeziehungen
Das 15. und 16. Jahrhundert stellte für St. Leonhard eine Phase des Übergangs dar. Der einst reiche Bergsegen, insbesondere der Goldbergbau im nahen Klieningergraben, begann zu schwinden. Mit der Entdeckung Amerikas und der dadurch verfügbaren, weitaus größeren Mengen an Gold verlor der lokale Bergbau zunehmend an Bedeutung. Dies führte zu einer Abwanderung von Gewerken und Handwerkern, die zuvor in den Goldabbau involviert waren und nun andernorts bessere Chancen suchten.
Trotz dieser wirtschaftlichen Veränderungen blieb St. Leonhard eine wichtige Durchgangsstadt an einem bedeutenden Handelsweg. Der Wochenmarkt, der jeden Montag auf dem Hauptplatz stattfand, war weiterhin das Zentrum des wirtschaftlichen Lebens. Hier tauschten Bauern aus der Umgebung ihre Erzeugnisse gegen städtische Handwerkswaren. Neben den Wochenmärkten gab es an bestimmten Traditionstagen auch Jahrmärkte, die von Händlern aus fernen Regionen besucht wurden. Exotische Gewürze, geheimnisvolle Arzneien und „Wundermittel“ fanden hier ihre Abnehmer, und der Markt war ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Waren.
Die Nähe zu den Handelswegen und die Bedeutung der Leonhardikirche als Wallfahrtsort trugen weiterhin zur wirtschaftlichen Dynamik der Stadt bei. Pilger und Reisende brachten nicht nur Geld, sondern auch neue Ideen und Nachrichten in die Stadt.
Die städtische Verwaltung und das soziale Gefüge
Die bambergischen Stadtherren und ihre Beamten regelten nicht nur die Zölle und Steuern, sondern sorgten auch für die Instandhaltung der Befestigungsanlagen, Straßen und Brücken. Der Stadtrat, dessen Mitglieder aus den wohlhabendsten Bürgern der Stadt gewählt wurden, spielte eine zentrale Rolle im städtischen Leben. Jährlich wurde am St. Veitstag ein Stadtrichter gewählt, der für die Verwaltung der Stadt und die Durchführung der Rats- und Gerichtsversammlungen verantwortlich war.
Diese politischen Strukturen waren eng mit der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung der Stadt verbunden. Die Bürger waren bestrebt, ihre Rechte zu bewahren und gleichzeitig die Kontrolle über das wirtschaftliche Leben zu behalten. Trotz der sozialen Unterschiede funktionierte die städtische Gemeinschaft, nicht zuletzt durch die gemeinsame Verantwortung für die Verteidigung und Verwaltung der Stadt.
Kulturelles Leben, Glaube und Aberglaube
Neben dem Handel und der Verwaltung spielte auch das kulturelle Leben eine wichtige Rolle in St. Leonhard. Die Leonhardikirche war ein zentraler Ort des religiösen Lebens, und der Glaube an Heilige und Reliquien prägte den Alltag der Menschen. Aberglaube war weit verbreitet, und die Menschen suchten Schutz vor Krankheiten und Unglück durch Rituale, Symbole und den Glauben an heilkräftige Quellen, die in der Umgebung von St. Leonhard entdeckt wurden.
Schlussbetrachtung
Das Leben in St. Leonhard im 15. und 16. Jahrhundert war geprägt von wirtschaftlichen Umbrüchen und dem Übergang von einer bergbaulichen Hochblüte zu einer Zeit der Anpassung und Neuorientierung. Trotz des Rückgangs des Goldbergbaus blieb St. Leonhard dank seiner Lage an einem wichtigen Handelsweg und seiner Bedeutung als Pilgerstadt ein lebendiger Ort des Austauschs und der Begegnung. Die Bewohner, ob Bürger, Pilger oder Händler, trugen zur Weiterentwicklung der Stadt bei und hinterließen ein Erbe, das bis heute spürbar ist.zur Verfügung!

